Expertentipps | 28.09.2009
Zeitarbeit als Retter in der Not? Diese Frage stellte sich den Teilnehmern beim Round-Table-Gespräch zum Thema „Leiharbeiter in Augsburg“.
Jahrelang boomte die Zeitarbeitsbranche. Egal, ob Hilfskräfte oder Facharbeiter, die Anbieter von Personaldienstleistungen konnten gar nicht so schnell neues Personal beschaffen, wie sie an die Firmen vermittelten. Doch mit dem wirtschaftlichen Einbruch durchlebt die Branche derzeit die schwerste Krise seit Langem. So schwer, dass die Bundesregierung sogar die Kurzarbeit für Zeitarbeitnehmer einführte, um nicht im Wahljahr ein paar Hunderttausend Arbeitslose mehr in der Statistik zu haben.
Dabei ist die Krise der Zeitarbeitsfirmen eigentlich ein Zeichen für den Erfolg des Modells. Die Leiharbeiter erhöhen die Flexibilität in den Unternehmen, die Personal temporär einsetzen. In wachstumsschwachen Zeiten können sie ihre Kapazitäten schnell an die tatsächliche Auslastung anpassen. Mehr noch: Für viele Betriebe hat sich die Zeitarbeit gerade in der Rezession bewährt, um kein Stammpersonal entlassen zu müssen.
Zeitarbeit rettet Jobs
Zeitarbeit als Retter in der Not? Diese Frage stellte B4B MITTELSTAND Vertretern von mittelständischen Unternehmen, Anbietern von Zeitarbeit und Verbandsvertretern beim Round-Table-Gespräch zum Thema „Leiharbeiter in Augsburg“. Die Antwort fiel eindeutig aus. „Ich bin sicher, dass viele Unternehmen die Krise nicht überstanden hätten, wenn sie die Zeitarbeit nicht genutzt hätten“, sagte Marcel Pelzer, Arbeitsmarktexperte beim Personaldienstleister Manpower.
Dem konnte Stefan Franke vom Augsburger Automobilzulieferer Hörauf & Kohler (Höko) nur zustimmen. „Ohne Leiharbeit gäbe es unser Unternehmen überhaupt nicht mehr.“ Das Unternehmen beschäftigt rund 160 feste Mitarbeiter und hatte in Spitzenzeiten fast ebenso viele Leiharbeiter unter Vertrag. In der Krise konnte Höko die Flexibilität der Leiharbeit ausnutzen. Die Zahl der Leihkräfte wurde bis auf 35 heruntergefahren. „Jetzt sind wir wieder bei 70“, sagte Personalsachbearbeiter Franke. Die Zeitarbeiter würden daher nicht nur dem Unternehmen zugutekommen, sondern auch die Jobs der Festangestellten sichern.
Wachstum wie noch nie?
Mit einem Anziehen der Wirtschaft hofft die Branche auf einen neuen Boom. „Es wird ein Wachstum geben, wie es vorher nicht da gewesen ist“, prophezeite Manpower-Manager Pelzer. Schon jetzt spüren die Zeitarbeitsunternehmen die Vorboten eines neuen Aufschwungs.
Nach den Zahlen des Bundesverbandes Zeitarbeit (BZA) lag die Zahl der Zeitarbeitnehmer in Deutschland im September 2009 bei rund 550.000. Im März 2009 waren es noch rund 30.000 weniger. Vor der Krise waren bis zu 800.000 Menschen bei Zeitarbeitsunternehmen tätig. Diese Zahl werde bald übertroffen werden, glaubte Pelzer. „Insbesondere Großunternehmen werden Zeitarbeit noch intensiver einsetzen“, sagte Wolfgang Braunmüller, Geschäftsführer der Augsburger Personalservicefirma Augusta. Doch auch im Mittelstand werde es mehr Unternehmen geben, die viel stärker als bisher über Zeitarbeit nachdenken würden. „Selbst in den Verwaltungsbereichen, über die man heute noch nicht nachdenkt“, glaubte Braunmüller.
Dem schloss sich Michael Wieneke, Geschäftsführer der Trenkwalder Personaldienste, an: „Die Zusammenarbeit zwischen Zeitarbeitsfirmen und dem Mittelstand hat noch enorme Potenziale.“ Solange der Aufschwung noch auf wackeligen Beinen stehe, seien die Unternehmen vorsichtig. „Wenn eingestellt wird, dann eher flexible Mitarbeiter. Festeinstellung zu diesem Zeitpunkt verhindert das deutsche Kündigungsrecht“, sagte Günter Schwab, Kreisgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). So lange sich die Politik beim Kündigungsschutz nicht bewege, müssten die Unternehmen zwangsläufig mehr auf Zeitarbeit setzen.
Zeitarbeit schafft Arbeit
Sehr zur Zufriedenheit der Agentur für Arbeit. Dank Zeitarbeit seien die Arbeitsmarktzahlen im August 2009 konstant geblieben, rechnet der BZA vor. Das bestätigte auch Roland Fürst, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Augsburg. Er lobte die Zeitarbeitsfirmen als wichtige Kunden seiner Agentur. „Nur mithilfe der Zeitarbeitsfirmen können wir unsere Kunden wieder in die Firmen integrieren.“ Ein Vorgehen, dass nicht nur der Arbeitsmarktstatistik und den Arbeitslosen nutzt, sondern auch den Firmen, die solche Mitarbeiter einsetzen. „Wir haben Mitarbeiter zu Kunden gebracht, die hätten mit einer normalen Bewerbung in der Personalabteilung keine Chance gehabt. Sie haben aber mit ihrer Leistung am Arbeitsplatz überzeugt“, wusste Augusta-Chef Braunmüller zu berichten.
Personalsuche auf Probierbasis
Auf diese Weise könnten viele Mittelständer an die so dringend benötigten Facharbeiter kommen. Nach Auffassung der Anbieter machen mittelständische Firmen von dieser Möglichkeit aber noch zu wenig Gebrauch. Dabei ist die Leiharbeit eine Chance, gute Mitarbeiter ohne Risiko auszuprobieren. Auch wenn es über den Erfolg des sogenannten Klebeeffekts unterschiedliche Zahlen gibt. Die Branchenverbände sprechen von bis zu 30 Prozent der Leiharbeiter, die auf diese Weise eine neue Dauerstelle finden würden, die Gewerkschaften von zehn bis 15 Prozent.
Dass es funktioniert, bewies Höko-Personaler Stefan Franke: „Wir haben durch die Zeitarbeit unseren Versandleiter und eine Angestellte für das Controlling gefunden.“ „Die Anbieter sehen solche Erfolge naturgemäß mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben sie bei einer dauerhaften Übernahme des Arbeitnehmers durch den Kunden das Problem, neue Fachkräfte zu finden, andererseits freut es die Firmen, wenn der Kunde von Zeit zu Zeit einen Mitarbeiter von uns übernehmen will“, gab Sven Suberg, Geschäftsführer der Unique Personalservice, zu. Schließlich sei das eine Bestätigung für gute Arbeit.
Das Geschäft mit der echten Vermittlung von Arbeitnehmern wollen die meisten Zeitarbeitsfirmen in Zukunft eher noch ausbauen. Auch, um sich gegen die nächste Krise zu wappnen. Dazu müssen sie den Mittelstand überzeugen, dass Zeitarbeit nicht nur in Boomzeiten eine gute Idee ist. Unabhängig von Auftragsspitzen und Facharbeitermangel wollen die Anbieter dem Mit-telstand bei der Auswahl geeigneter Mitarbeiter (Recruiting) und bei der Personalentwicklung zur Seite stehen. „Kleine und mittlere Unternehmen machen die Personalentwicklung eher hemdsärmelig und aus dem Bauch heraus“, erkannte Braunmüller. Zu einer strategischen Entwicklung gehöre aber auch, Talente zu entdecken und gezielt zu fördern. „Oft sitzen Mitarbeiter, die scheinbar zu wenig leisten, einfach nur auf dem falschen Arbeitsplatz“, war seine Erfahrung.
Mit einem falschen Mann in einer hohen Einkommensklasse seien aber schnell mal 100.000 Euro in den Sand gesetzt. Vor allem bei der Besetzung von Management- und Führungsposten hätten viele Mittelständler erheblichen Nachholbedarf. Doch die Angesprochenen gaben sich skeptisch. Braunmüller hatte Verständnis. „In den meisten Unternehmen ist Personal oft noch Chefsache, die man nicht aus der Hand geben will.” Unter dem Strich sei das Ganze aber ein Rechenexempel.
„Wenn Sie eine Stellenanzeige aufgeben, haben Sie schnell 150 Bewerbungen auf dem Tisch. Das ist ein enormer Zeitaufwand und kostet viel Geld“, rechnete der Experte vor. Diese Aufgabe wollen die Personaldienstleister in Zukunft gerne verstärkt übernehmen. „Wir liefern ja nur ausgewählte Vorschläge. Entscheiden muss der Chef immer noch selber“, beruhigte er die Skeptiker. Für Roger Kastl, Chef der PSKastl Personalservice, lagen die Vorteile klar auf der Hand: „Das Unternehmen spart Zeit, Geld und Aufwand, wenn es uns als Dienstleister überlässt, den richtigen Mann oder die richtige Frau für die Aufgabe zu stellen.“
Dennoch scheint es nicht einfach zu sein, solche Dienstleistungen den Unternehmen schmackhaft zu machen. „Viele Personalabteilungen haben Angst, dass wir ihren Job gleich ganz übernehmen wollen“, erklärte Manpower-Mann Pelzer. Das sei aber nicht das Ziel. „Wir können gemeinsam Leute ausbilden, gemeinsame Qualifikationsmaßnahmen durchführen und beim Outplacement beraten“, schlug Pelzer vor. Vor allem für kleinere Unternehmen ohne eigene Personalabteilung könnten solche Dienste hilfreich sein, fand Andres Santiago, Geschäftsführer des vmm wirtschaftsverlages, in dem auch B4B MITTELSTAND erscheint.
In diesen werde die Personalarbeit „meist so nebenher gemacht“. Solche Konzepte hätten aber nur Erfolg, wenn kleine und mittlere Unternehmen die Partnerschaft zu einem Zeitarbeitsunternehmen über eine längere Zeit akzeptierten, mahnte Wieneke an. Das gelte auch generell in der Zeitarbeit, pflichtete Unique-Manager Suberg bei. „Nur wenn man sich kennt und regelmäßig miteinander redet, wissen wir, welche Mitarbeiter und Leistungen der Kunde braucht. Das steigert die Qualität“, sagte Suberg.
Qualität ist entscheidend
Beim Thema „Qualität der angebotenen Leiharbeiter“ gab es in der Runde durchaus unterschiedliche Meinungen. Oliver Foitzik, Inhaber der TV-Produktionsfirma Movilution, berichtete von seinen Erfahrungen. Als er für ein Callcenter schnell Ressourcen aufbauen musste, bekam er von seinem Personaldienstleister „nicht die Qualität, die wir uns vorgestellt haben. Auch in der Buchhaltung mussten wir diese Erfahrung machen. Wir waren mit dem Ausbildungsstand der Leute nicht zufrieden. Unser Vorteil: Wir konnten sie schnell wieder austauschen“.
Wenn sich Unternehmen über die mangelnde Qualität der zur Verfügung gestellten Mitarbeiter beklagen, liegt das häufig an den ausleihenden Firmen selber. Die Konkurrenz ist auch unter den Zeitarbeitsfirmen gnadenlos. Immer wieder müssen vor allem die Großen der Branche feststellen, dass sie von lokalen Anbietern unterboten werden.
Zudem scheint es vielen Firmen allein um die Kosten zu gehen. Selbst Roland Fürst von der Agentur für Arbeit stellte fest, dass in vielen Unternehmen der Preis vor der Qualität kommt. „Es gibt Firmen, die zahlen so schlecht, das auch wir ihnen nicht die notwendigen Arbeitslosen zur Verfügung stellen können“, beobachtete Fürst. Laut Suberg macht Unique solche Dumpingspiralen nicht mit. Für Unternehmenschefs, die den Fokus nur auf den Preis legen, hatte er einen Rat: „Dann sprechen wir nicht mehr über die Qualität.“
Branche will den Mindestlohn
Von da war es kein großer Schritt zum eigentlichen Streitthema des Nachmittags: dem Mindestlohn. Die Debatte um politisch festgelegte Lohnuntergrenzen wird in der Branche kontrovers diskutiert. Die großen Anbieter, die sich im Bundesverband Zeitarbeit organisiert haben, fordern einen Mindestlohn. Die kleinen Zeitarbeitsfirmen fürchten ihn.
Ein Hauptgrund für den – unter Unternehmern eigentlich als Pfui-Wort erkorenen – Mindestlohn ist die drohende Konkurrenz aus Osteuropa. Wenn 2011 weitere Freizügigkeitsbeschränkungen in der Europäischen Union wegfallen, könnten osteuropäische Billiganbieter auf den Markt drängen, befürchten die BZAUnternehmen.
„Es wird definitiv dazu kommen, dass Billiganbieter aus Osteuropa rüberdrängen und was wir in den letzten zehn Jahren aufgebaut haben, wieder zunichtemachen“, warnte Wieneke. Tatsächlich könnte das Lohnniveau dann auf breiter Front sinken und damit die Einnahmen der Anbieter. Viele Mittelständler hätten aber wohl nichts dagegen, wenn Hilfsarbeiter noch ein paar Euro pro Stunde günstiger wären. Bei Facharbeitern stellt sich die Diskussion ohnehin nicht. Sie sind in einigen Branchen so schwer zu bekommen, dass der Preis fast zur Nebensache wird.
„Zwei Euro mehr bringen keinen um”
Bei den geringer qualifizierten Kräften forderte Personaldienstleister Kastl seine Konkurrenten auf, angemessene Löhne zu bezahlen. Selbst zu den geringen Mindestlöhnen sei es vielen Menschen in Deutschland nicht möglich, eine Familie zu ernähren. Zudem sei dann das Thema „Mindestlohn“ vom Tisch. „Ich glaube nicht, dass ein Unternehmen zumachen muss, weil es zwei bis drei Euro für einen Leiharbeiter mehr ausgeben muss“, war Kastl überzeugt.
Die betroffenen Mittelständler sahen das differenzierter: „Im Facharbeiterbereich wird es keine Auswirkungen haben“, meinte Franke. Bei den weniger qualifizierten Hilfsarbeitern sehe das anders aus. Bei einem Mindestlohn von 7,50 Euro würde das für die Unternehmen Kosten von etwa 15,50 Euro pro Stunde bedeutet. Das wäre noch kein Problem. „Wenn der Mindestlohn aber auf neun Euro die Stunde steigt, bedeutet das Kosten von rund 18,50 Euro die Stunde. Dann könnten wir diese Arbeitsplätze nicht in Deutschland halten“, gab Franke zu bedenken.